Wie wäre es wohl, wenn deine Actionfigur lebendig werden könnte?
Genau das ist es, was Toyfotografie ausdrücken möchte – Actionfiguren, Spielzeug und Sammlerstücke in Miniaturwelten durch das Kameraobjektiv zum Leben erwecken. Dabei ist alles erlaubt, was gefällt - Figuren können im eigenen Wohnzimmer, in der Natur oder auch in aufwändig gestalteten Kulissen (Dioramen) in Szene gesetzt werden.
Carlo Später, 38, ist dreifacher Familienvater und begeisterter Toyfotograf. Auf Instagram zeigt er der ganzen Welt seine künstlerischen Toyfotos und am 23. November 2024 eine Auswahl auf unserer Toyfotografie-Ausstellung in Berlin. Dort gibt er dir außerdem Tipps und Tricks während eines Live Workshops. Hier kannst du dich anmelden.
Wir wollen schon vorher mit dir in die Welt der Toyfotografie eintauchen und die Beweggründe, wie man zur Spielzeug-Fotografie kommt, ihre Techniken und ihre Möglichkeiten erkunden. Dafür haben wir Carlo ausgefragt :)
Mach dich bereit für eine ganz neue Perspektive auf deine Actionfiguren!
Wie kommt man zur Toyfotografie? Wie war es bei dir?
Carlo: Ich sammle seit meiner Kindheit Actionfiguren, mit großen Unterbrechungen. Toyfotografie betreibe ich allerdings erst seit 2022. Angefangen hat alles damit, dass ich ein paar Fotos meiner Figuren bei Instagram hochgeladen und festgestellt habe, dass ich nicht der einzige Verrückte bin und es eine weltweite Community für uns Freaks bzw. Nerds gibt. Schnell bemerkte ich, dass die Qualität meiner Bilder nicht ansatzweise an das herankam, was andere Toyfotografen ablichten. Also versuchte ich, mich immer weiter zu steigern und versuche es noch. Ich denke, ich bin mein größter Kritiker, was es manchmal nicht einfacher macht.

Was sind die Must-haves für Toyfotografie? Gibt es ein Mindest-Equipment?
Carlo: Mein Must-have ist definitiv absolute Ruhe. Einige Toyfotografen machen auch Fotos in der Öffentlichkeit, z.B. mitten in der Stadt. So was könnte ich nicht, da ich sonst den Fokus verliere und mich nicht richtig konzentrieren kann.
Ein Mindest-Equipment braucht man eigentlich nicht. Man sollte natürlich eine Figur haben und mindestens ein Handy. So fing es bei mir an, doch mein Antrieb ist vor allem die Perfektion in den Bildern. Irgendwann will man einfach mehr darstellen und man versucht Szenen aus einem Comic oder einen Film nachzustellen. Da bleibt es nicht aus, irgendwann auf eine "vernünftige " Kamera zu wechseln und die passende Beleuchtung aufzustellen.
Bei mir führte eins zum anderen, ich fing an, meine eigenen Hintergründe zu bauen, welche man Diorama nennt. Dafür sollte man keine zwei linken Hände haben. Es erfordert viel Zeit und Geduld, wenn man eine Szene perfekt darstellen will. Also bastelte ich meist abends, über mehrere Wochen, diverse Dioramen.

Braucht man immer ein Diorama?
Nein, das braucht man nicht. Wer ein Foto ohne Equipment machen will, kann auch einfach in die freie Natur gehen und schöne Fotos machen. Auch zu Hause kann man die wildesten Sachen zweckentfremden. Ich habe schon Fotos in der Waschmaschinentrommel gemacht, habe Tonpapier als Hintergrund genommen, geflochtene Körbe, Zimmerpflanzen oder auch mal die Mikrowelle für ein Foto benutzt. Der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt. Hauptsache, es sieht am Ende gut aus.

Für wen ist Toyfotografie interessant? Die Figuren aus der Verpackung zu holen, ist schließlich nicht bei allen Sammlern Brauch...
Carlo: Natürlich muss man die Figuren aus der Packung holen, dieses Hobby ist definitiv nichts für Inbox-Sammler. Die Figuren werden in Pose gebracht und manchmal werden sie dreckig. Das ist ein notwendiges Übel. Ich versuche natürlich, nichts zu beschädigen und keine Kleinteile zu verlieren, denn in erster Linie bin ich Sammler und die Figuren sind zum Teil sehr teuer. Die Fotos sind meine Art von Kunst und ich liebe es, mit den Figuren auch mal zu "spielen ".

Worauf muss man achten, wenn man Spielzeug fotografiert?
Carlo: Ich achte sehr darauf, dass die Pose der Figur natürlich wirkt. Es ist sehr wichtig, eine weibliche Figur auch so posen zu lassen wie eine Frau, und ein Mann sollte dementsprechend auch maskulin wirken. Wir reden hier schließlich von Helden, da muss alles passen. Dazu kommt, dass verschiedene Charaktere auch individuelle Bewegungen machen. Die Schwierigkeit liegt darin, genau diese widerzuspiegeln und dem Charakter das zu verleihen, was ihn ausmacht.

Das Nächste wäre die Lichtsetzung. Ein nicht zu unterschätzender Faktor, denn mit dem richtigen Licht fängt man die Stimmung ein, zeigt die Details der Figur oder der Szene und gibt dem Ganzen die nötige Tiefe. Licht kann man wunderbar mit Nebel kombinieren. Oder man spielt einfach mit Licht und Schatten. Ich habe festgestellt, dass das Equipment nicht unbedingt teuer sein muss, um gute Fotos zu machen. Auch mit normalen Lichtern aus dem Haushalt kann man schon schöne Ergebnisse erzielen.

Wenn man das Licht allerdings falsch setzt, sieht das Plastik der Figur schnell speckig aus. Das führt zu unschönen Reflexionen, durch die eine Figur unnatürlich aussieht.
Will man viele Figuren auf einmal fotografieren, bietet sich der kleinere Figuren-Maßstab von 6 Inch (ca 15-16cm Größe) an. Die Dioramen müssen dann nicht so riesig sein wie beispielsweise bei einer 30cm Figur. Ich hab allerdings auch schon 2-Quadratmeter-Settings aufgebaut, nur für ein bestimmtes Foto.
Stellt ein Toyfoto immer echte Szenen aus Comic und Film dar?
Nein, jeder kann das machen, was er möchte. Ich mag es gerne, hin und wieder Szenen aus einem Comic nachzustellen, habe aber auch eigene Ideen, die ich mit einfließen lasse. Es ist auch möglich, verschiedene Charaktere zu fotografieren, die sonst nichts miteinander zu tun haben. Das wäre dann ein sogenanntes Crossover, bei dem man beispielsweise DC Figuren und Marvel Figuren mixt. In der Toyfotografie ist alles erlaubt und alles möglich. Ich achte allerdings darauf, dass der Maßstab gleich bleibt und die Figuren die gleiche Größe haben.

Wie lange brauchst du für ein Foto?
Das hängt stark davon ab wie groß der Aufbau der Szene bzw. des Dioramas ist. Ich baue meine Szenen jedes Mal neu auf und setze danach das Licht. Manchmal ist es etwas aufwändiger und manchmal einfacher. Es kommt auch darauf an, ob ich nur den Oberkörper der Figur fotografiere oder die ganze Figur. Ein Setting kann manchmal ganz schön ausarten, je nachdem, wieviel man darstellen möchte, gehen im Schnitt meist drei Stunden für eine Figur drauf... manchmal ist es auch das Doppelte der Zeit.
In der freien Natur bei Outdoorshootings muss man manchmal warten, bis sich der Wind beruhigt hat und darauf, dass die Sonne scheint. Die Witterung und das Licht haben einen großen Einfluss auf die Dauer des Shootings.
Es kommt vor, dass ich für Fotos bis zu 6 Stunden brauche. Allerdings ist es mir das wert, wenn das Ergebnis stimmt. Ich poste allerdings nicht täglich, da mir Qualität wichtiger ist als Quantität. Lieber wenige gute Fotos als viele nicht so gute ist mein Motto. Finest Toyphotography eben, wie in meinem Logo.

Nach welchen Kriterien wählst du die Figuren aus, die du fotografierst?
Carlo: Welche Figuren oder Toys man verwendet, hängt stark davon ab, welche Interessen man hat und wieviel Geld man ausgeben möchte. Bei mir ist es sehr breit gefächert. Ich habe viele klassische Marvel Figuren aus den Comics, Star-Wars-Figuren und so ziemlich alles Mögliche aus Film und Fernsehen, meist aber aus den klassischen Filmen der 90er.
Im preislichen Wert variieren die Figuren bei mir stark. Ich habe Figuren für 30 Euro und Figuren, die 600 Euro oder mehr kosten. In der Regel lässt sich sagen, dass man auch ein Foto von einer Statue machen kann oder auch einfach von einer Legofigur oder Barbie. Ja...auch das hab ich schon gemacht. :) Im Grunde gilt: Je mehr Details die Figur hat, desto besser. So ist zumindest mein Anspruch. Ich möchte alles so realistisch wie möglich umsetzen.

Gibt es bei der Toyfotografie Unterschiede zwischen teuren und günstigen Figuren?
Carlo: Der Unterschied zwischen teuren und günstigen Figuren liegt im Detail. Von teuren Figuren, die im 1:6 Bereich liegen (also 30cm Größe), lassen sich bedeutend mehr Details fotografieren.
Die Figuren von Hot Toys haben keine sichtbaren Gelenke und sind mit einer Art Silikonhaut überzogen, wodurch sämtliche Gelenke absolut realistisch aussehen. Dazu kommt, dass die Kleidung aus echtem Stoff ist und die Gesichter von Hand bemalt werden. Ich bin der Meinung, wenn man ein gutes Foto einer Hot-Toys-Figur macht, kann man nicht unterscheiden, ob es sich um eine Figur oder den/die echte Schauspieler/in handelt.
Im kleineren 6-Inch-Maßstab ist es schon was anderes. Die Gelenke sind oft sichtbar und man muss manchmal etwas tricksen, um das Ganze vernünftig darzustellen. Bei Figuren bis zu 40 Euro ist meist alles aus Plastik. Hier kommt die Schwierigkeit hinzu, dass Plastik im Licht glänzt, was auf den Gesichtern der Figuren oft nicht gut aussieht. Da die günstigen Figuren in Formen gepresst werden, kann man bei manchen Figuren unschöne Pressränder sehen. Das ist allerdings bei jedem Hersteller unterschiedlich und eine Sache von Qualität und Verarbeitung.

Fotografierst du deine Figuren nur einmal oder mehrfach?
Es kommt auch vor, dass ich einige Figuren mehrmals vor der Linse habe. Da ich ein absoluter Spawn Fan bin, kommt der Gute öfters mal auf Bildern vor. Es gibt aber auch Figuren, die noch nie vor der Linse waren. Meist warte ich da etwas ab bis ich z.B. eine Figurengruppe vollständig habe. Manchmal haben die Figuren auch Maße, die sich nicht unbedingt für ein Shooting eignen, da wäre der Galactus von Marvel Legends mit 82 cm Größe. Dioramen für solche großen Figuren existieren bei mir gar nicht ;)

Du bist auch Sammler. Wo stehen deine Figuren, wenn du sie nicht fotografierst?
Carlo: Ja, ich sammle regulär Figuren und das nicht zu wenig...lach. Ich habe leider sehr viele Sparten, in denen ich sammle. Meist sind es Erinnerungen aus meiner Kindheit, sozusagen Spielzeug, das ich selbst nicht hatte oder Neuauflagen von Spielzeug aus meiner Kindheit. Allerdings werden Hobbys in der Regel nicht günstiger. Man investiert sein Geld oft in teurere und seltenere Figuren.
Die Figuren stehen bei mir lichtgeschützt in Vitrinen. Leider ging mir der Platz aus, sodass die Figuren mittlerweile fast überall im Haushalt stehen. Das möchte ich allerdings noch ändern, ein Traum wäre eine eigene Mancave, in der alle Figuren nach Thema sortiert sind und alles seinen Platz hat.
Wie viele Figuren hast du schon fotografiert? Behältst du sie alle?
Carlo: Ich verkaufe keine meiner Figuren. Ich bin da wirklich der Sammler, der in jeder Figur einen Schatz sieht. Klingt etwas bekloppt, ist es auch. Ich habe mittlerweile weit über 300 Figuren fotografiert. Rein theoretisch könnte ich jeden Tag eine neue Figur posten. Abwechslung hätte ich hier genug stehen. Dabei fällt mir auf, dass alles ganz schön ausgeartet ist. Du kannst dir also vorstellen, wie viele Figuren ich hier habe. Sozusagen ein kleines Museum.
Vergleichst du dich mit anderen Toyfotografen?
Ob ich meine Bilder vergleiche, ich würde sagen nein. Ich finde, jeder Toyfotograf ist einzigartig. Ich kann anhand der Bilder von anderen Toyfotografen sofort einen bestimmten Stil erkennen, der einfach unverwechselbar ist. Ich brauche gar nicht den Namen der Fotografen lesen, ich weiß sofort, wer das Bild gemacht hat. Natürlich schaue ich auch bei anderen, ob ich noch etwas verbessern kann und hole mir Inspiration. Ich möchte aber nie das Bild anderer Fotografen kopieren. Es soll ja auch mein eigener Stil mit einfließen.

Was ist die größte Herausforderung an der Toyfotografie:
Puh, also ich für meinen Teil sehe die Herausforderung darin, immer alles echt aussehen zu lassen. Manchmal will ich eine bestimme Sprungpose oder eine fliegende Pose fotografieren und dafür muss ich die Figuren auf einen Flightstand bzw eine Halterung drapieren. Das kann einen manchmal in die Verzweiflung treiben. Vor allem, wenn die Figur dann samt Ständer umkippt und ich dann alles neu posen muss. Auch das Setting oder eine Lampe fällt manchmal um und reißt dabei sämtliche Figuren mit sich.
Dann heißt es durchatmen, den inneren Frieden finden und von vorne anfangen ;)

Ganz lieben Dank, Carlo, für das nette Interview!

